Fighting Shadows von Jefferson Bethke und Jon Tyson ist eines der stärksten und heilsamsten Bücher, die ich seit Langem zum Thema Mannsein gelesen habe. Nicht, weil es besonders akademisch oder tief systematisch-theologisch wäre, sondern weil es existenziell trifft – und weil es im gemeinsamen Lesen und Durcharbeiten (in meinem Fall mit meinem Mentor) Räume für ehrliche Selbstprüfung, Buße, Hoffnung und geistliche Erneuerung öffnet. Dieses Buch liest man nicht nur, man lässt sich von ihm lesen.
Ausgangspunkt ist die Diagnose, dass Männlichkeit heute in einer tiefen Krise steckt. Zwischen der berechtigten Kritik an toxischer Männlichkeit und einer hypersexualisierten, orientierungslosen Kultur fühlen sich viele Männer gelähmt, beschämt oder innerlich abgestumpft. Bethke und Tyson beschreiben diesen Zustand als Leben im Schatten – verursacht durch Lügen, die Männer über sich selbst, über Gott und über ihre Berufung glauben. Ihr Gegenentwurf ist kein nostalgisches Rollenbild, sondern eine Einladung, sich an Jesus und seinem Bild von Mannsein neu auszurichten.
Die zentrale Metapher des Buches – die Eklipse – ist stark: Wie bei einer Sonnenfinsternis schiebt sich etwas zwischen Licht und Wirklichkeit. Die Sonne ist nicht verschwunden, aber verdeckt. So beschreiben die Autoren Versuchung, Scham, Angst, Lust, falsche Ambition und Apathie. Ziel ist nicht, den Schatten zu ignorieren, sondern auszuharren, zu kämpfen und wieder auf das Licht zu warten.
Besonders eindrücklich sind die Kapitel zu Hoffnung und Verzweiflung, Scham, Lust und Ambition. Hoffnung wird nicht als Optimismus verstanden, sondern als tiefe Erwartung, die im richtigen Telos verwurzelt ist. Scham wird als zerstörerische, antischöpferische Kraft entlarvt, die isoliert und trennt – und nur durch Wahrheit, Verletzlichkeit und Gemeinschaft überwunden werden kann. Das Kapitel zur Lust ist wohltuend ehrlich und differenziert: Weder Repression noch naive Freigabe führen in die Freiheit. Stattdessen geht es um Umordnung der Sehnsüchte, um Formation des Herzens und um die Einsicht, dass Sexualität Gabe und Verantwortung ist – nicht Selbstzweck.
Auch das Thema Ambition wird klug entfaltet. Das Buch unterscheidet zwischen weltlicher Ambition (Anerkennung, Dominanz, Selbstverwirklichung) und heiliger Ambition, die aus Tränen, Mitgefühl und dem Blick auf Gottes Reich erwächst. Männer werden eingeladen, größer zu denken als ihr eigenes Leben, ohne sich dabei zu verlieren. Die Fragen, die wir stellen, formen die Kultur, die wir bauen – ein Gedanke, der lange nachhallt.
Stark ist auch das Kapitel zur Arbeit und Berufung. Die Unterscheidung zwischen Berufung und konkreten Aufträgen, zwischen „Calling“ und „Assignments“, bringt Freiheit. Gottes Wille wird nicht als enger Zielpunkt, sondern als weiter Raum verstanden – eine Art „Sandbox“, in der Gehorsam, Motive und Charakter den Rahmen bilden. Besonders hilfreich fand ich die Gedanken zu Chronos und Kairos sowie zur Frage, wie Arbeit sinnvoll sein kann, ohne alles zu werden.
Das letzte Kapitel über Apathie trifft einen wunden Punkt. Christlicher Glaube wird hier als Bewegung von Visionären beschrieben, nicht als bequeme Komfortzone. Die Kriegsmetaphorik mag für manche herausfordernd sein, ist aber biblisch verankert und heilsam: Wer den geistlichen Feind aus dem Blick verliert, sucht sich Ersatzfeindbilder. Wer lernt, Sünde zu hassen, hört auf, sich selbst zu hassen.
Fazit:
Fighting Shadows ist kein perfektes Buch, aber ein notwendiges. Es ist ehrlich, herausfordernd, seelsorgerlich und mutmachend. Es lädt Männer ein, Verantwortung zu übernehmen, ihre Sehnsüchte zu ordnen, ihre Wunden nicht zu verstecken und ihre Kraft für Gottes Reich einzusetzen. Besonders in Gemeinschaft gelesen entfaltet es eine enorme Tiefe. Für mich eine uneingeschränkte Empfehlung für jeden Mann, der nicht im Schatten bleiben will.